Einer der kontrovers diskutiertesten Dokumentarfilme aus dem Jahr 2018 ist zurück in unser Bewusstsein gerückt – Auslöser war die Nominierung des Films für den Grimme Preis in der Kategorie Info und Kultur.
Seit Tagen ist er also wieder laut – der Aufschrei zum Film „Elternschule“. Der Sturm, der sich nun auch gegen das Grimme Institut und die Nominierungskomission richtet folgt dem #keinepreisefürgewalt

Die Nominierung war ein Schock. Wut und Ohnmacht stieg in mir auf, mein Herz wurde schwer und mein Magen drehte sich kopfüber, während meine Gedanken kreisten – bis ich sie nun endlich sortieren konnte. Meine dauerbrennende Frage lautete:

Widerspricht die Nominierung und der Film „Elternschule“ dem Berufsethos von Journalist*innen?

Der Gedanke ließ mich nicht los. Aber wie es in komplexen Zusammenhängen üblich ist, gibt es keine lineare Antwort auf diese Frage. Also hat mein Text drei verschiedene Dimensionen:

  1. Kritik an allen Verantwortlichen in der Klinik und der Justiz
  2. Kritik an den Filmemachern und der Rezeption in den Medien
  3. Kritik an der Kommission des Grimme-Instituts, die den Dokumentarfilm nominiert hat

Mein Fokus liegt dabei auf der Medienethik, denn als mit Staatsexamen ausgebildete Lehrerin für Sozialpädagogik und Ethik/Philosophie liegt mir dieser Aspekt nahe. Die meisten der folgende Kritikpunkte sind vermutlich den meisten bekannt, einige neue Informationen auf die ich bei meiner Recherche stieß, haben mich allerdings extrem geschockt. Mein Ziel ist, durch den Bezug zum Pressekodex und Berufsethos von Journalist*innen, einen weiteren Aspekt in die gesamte Diskussion einzubringen.

Kritik an der Klinik und Justiz

Laut § 1631 Abs. 2 BGB haben Kinder ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig. (1)
Ausrufezeichen.

Die im Film gezeigten Maßnahmen widersprechen meiner Meinung nach den juristischen Gesetzen unseres Landes. Erschreckenderweise hat jedoch die Staatsanwaltschaft die Strafanzeige gegen die Klinik 2018 zurückgewiesen. (2) Für mich unverständlich, aber ich bin weder Anwältin noch Therapeutin, um das adäquat einschätzen zu können.

In erster Linie bin ich Mensch und Kinder sind für mich nicht „nur“ Kinder, sondern (junge) Menschen.

Und als Mensch kann ich kaum in Worte fassen, wie sehr die Verantwortlichen der Klinik mit ihrem Verhalten (und dessen Rechtfertigung) den moralischen Gesetzen und den humanistischen Prinzipien der Ethik widersprechen.

Die Therapiemethoden der Klinik wurden von vielen intelligenten, kritischen Menschen fachlich-kompetent eingeschätzt. Das werde ich an dieser Stelle nicht nochmal im Detail wiederholen. Ich möchte gern direkt zum Kernpunkt weiterspringen.

Kritik am Film Elternschule und der Rezeption in den Medien

Der Deutsche Presserat hat bereits 1973 einen Pressekodex veröffentlicht. Dieser Kodex ist eine Selbstverpflichtung und beschreibt die Berufsethik von Journalist*innen – es geht u.a. um die große Verantwortung der Presse gegenüber der Öffentlichkeit. In der Fassung aus dem Jahr 2017 steht:

Pressekodex Ziffer 1 – „Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse.“ (3)

Ja, es scheint als hätte der Dokumentarfilm etwas „Gutes“, auch wenn es mir schwer fällt das zu sagen. Ohne den Film wüssten wir wohl kaum, dass in dieser Klinik in Gelsenkirchen Gewalt in der Therapie praktiziert wird. Doch das Gebot der Wahrung der Menschenwürde zweifle ich bei dieser Berichterstattung stark an. Ja, es braucht Aufklärung, um zu wissen was auf der Welt passiert und Medien tragen einen wertvollen Beitrag dazu bei. Doch in Fall Elternschule sehe ich eine zu große Diskrepanz zwischen Ziel, Umsetzung und Folgen des Films.

Pressekodex Ziffer 2 – „Recherche ist unverzichtbares Instrument journalistischer Sorgfalt.“ (3)

„Beide Regisseure geben zu, von […] `bindungsorientierter Erziehung´ vor dem Shitstorm noch nie gehört zu haben. […] sie finden gar nicht, dass sie etwas davon hätten wissen müssen. Es sei nicht die Aufgabe von Filmemachern, alle Perspektiven eines Themas abzubilden. Es sei ihre Freiheit, den Film genau so, in eine Richtung zu machen.“ (4)
Zur Idee des Dokumentarfilms kam es laut Aussage von Regisseur Jörg Adolph, „weil die Klinik und ihre Mitarbeiter uns fasziniert haben […] Solche Filme macht man nicht über Leute, die man scheiße findet.“ (4)

Unabhängig von der Pressefreiheit, die zweifelsfrei ihre Berechtigung hat, wird vor dem Hintergrund dieser Aussagen das vermeintliche Ziel der Filmemacher und die aktuelle Nominierung dieses Dokumentarfilms als rein beobachtendes, detailliertes – also neutrales! Werk ad absurdum geführt.

Bewertende Kommentare bewusst wegzulassen, um die Zuschauenden nicht zu beeinflussen ist nur einer, aber nicht der einzige Aspekt von „Objektivität“. Die Auswahl der Bilder, Schnitt, usw. spielen genauso eine Rolle.
Was von Kritikern im Film vermisst wird ist auch die Ausgewogenheit von Informationen, dass also z.B. gewaltfreie Therapiekonzepte den Praktiken in der Gelsenkirchener Klinik gegenübergestellt werden. Recherchen und/oder Darstellung von Gegenentwürfen war scheinbar nicht so gewollt, hätte den Filmemachern aber wahrscheinlich den großen Shitstorm erspart.

Ralf Bücheler: „Das ist falsch! Wir zeigen keine Gewalt gegen Kinder!“ (4)
Jörg Adolph: „Wir haben in jedem Moment nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt“ (4)
Dass sie als Filmemacher und Väter gegen die Kritiker auf Social Media „gewinnen“ wollten, aber nicht konnten, die Facebook Seite daraufhin offline stellten (4) und später auch die gemeinsame Kinotour abgebrochen haben, lässt mich entsetzen. Den Regisseuren fehlt es meiner Meinung nach an kritischer Distanz zu dem, was sie dort gesehen haben.

Pressekodex Ziffer 2 – „[Der] Sinn [von Informationen] darf durch Bearbeitung, Überschrift oder Bildbeschriftung weder entstellt noch verfälscht werden.“ (3)

Im Film ist ein therapeutisches Setting zu sehen, welches Ausnahmesituationen in Familien beschreibt. Der Film heißt aber ELTERNSCHULE und Zitate des leitenden Therapeuten Dietmar Langer lassen den Schluss zu, dass das Klinikkonzept mindestens teilweise auch auf alltägliche Eltern-Kind-Konfliktsituationen übertragbar sein könnte. Damit besteht für mich ein weiterer Bruch mit dem Pressekodex seitens der Filmemacher, denn die Information „Therapie“ scheint verfälscht zu sein, was man gut an den Auswirkungen in der Berichterstattung anderer Journalist*innen erkennen kann:

Die Süddeutschen Zeitung betitelt den Film mit „Für jeden, der selbst Kinder hat, ist der Film ein Muss“ (4) – und diese Bewertung ist auch im Trailer des Films zu sehen, wird also von den beiden Filmemachern wissentlich genutzt.
Wenn u.a. auch der bayrische Rundfunk schreibt, der Film setzt einen „kraftvollen Blick auf die Suche nach einer guten Erziehung“ (4) dann sind wir sehr weit weg von Notsituationen, die einer besonderen Therapieform benötigen. Nein, dann sind wir ganz nah am

Alltagsgebrauch von Gewalt unter dem Deckmantel der Erziehung.

Pressekodex Ziffer 11 – „Die Presse verzichtet auf eine unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt, Brutalität und Leid. Die Presse beachtet den Jugendschutz.“ (3)

RICHTLINIE 11.1 – „Unangemessen sensationell ist eine Darstellung, wenn in der Berichterstattung der Mensch zum Objekt, zu einem bloßen Mittel, herabgewürdigt wird. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn über einen sterbenden oder körperlich oder seelisch leidenden Menschen in einer über das öffentliche Interesse und das Informationsinteresse der Leser hinausgehenden Art und Weise berichtet wird.“ (3)

An dieser Stelle darf jede*r selbst beurteilen, ob die vielfach dargestellten Szenen von Gewalt, Brutalität und Leid ÜBER das Informationsinteresse als Zuschauer*in hinaus gehen. Ich habe den Film boykottiert und kann mich nur auf Quellenrecherche beziehen. Selbst das Lesen hat mein Informationsinteresse überstiegen und ich vermute mal, dass es vielen mit dem Film nicht anders ging.

Pressekodex Ziffer 14 – „Bei Berichten über medizinische Themen ist eine unangemessen sensationelle Darstellung zu vermeiden, die unbegründete Befürchtungen oder Hoffnungen beim Leser erwecken könnte. “ (3)

Auch hier ist schwammig zu beurteilen, ob der Film den Pressekodex verletzt. Doch wenn ich mir Eltern vorstelle, die Probleme mit ihren Kindern haben (zb. so wie im Film beim Thema Essen, Schlafen, Grenzen setzen), dann kann die Dokumentation der wohlbemerkt therapeutischen! Methoden durchaus den Eindruck erwecken, dass diese auch im heimischen Kinderzimmer oder am Familientisch funktionieren. Identifikation mit z.B. Menschen „mit ähnlichen Problemen wie wir“ führt zu Nachahmung – das nennt sich soziales Lernen/Lernen am Modell (Alfred Bandura) und ist eben nicht auf das Erlernen von positiven Verhaltensweisen beschränkt. Menschen können sich auch negative Verhaltensweisen von Vorbildern abschauen.

Fazit: „Medikamente brauchen einen Beipackzettel. Umstrittene Behandlungsmethoden auch.“ (Herbert Renz-Polster) (5)

Der Film Elternschule läuft unkommentiert. Jegliche Hinweise auf die auch potentiell negativen Folgen der Therapiemaßnahmen fehlen. Eine glasklare Distanzierung davon, dass diese Methoden weder in der Familie noch in der pädagogischen Arbeit mit Kindern (zb in Kitas oder Schulen) anzuwenden sind, fehlt ebenso.
Das Kommentieren war seitens der Filmemacher nicht gewollt. Ich erkenne zwar ihr Ziel einer reinen beobachtenden Dokumentation, aber gleichzeitig betrachte ich dieses Ziel aus den genannten Gründen für gescheitert.

Kritik an der Kommission des Grimme-Instituts, die den Dokumentarfilm nominiert hat.

„Mit einem Grimme-Preis werden deutsche Produktionen aus allen Genres und Programmsparten ausgezeichnet, welche die spezifischen Möglichkeiten des Mediums Fernsehen auf hervorragende Weise nutzen, weiterentwickeln und nach Form und Inhalt Vorbild für die Fernsehpraxis in der digitalen Welt sein können.“ (8)

Die Begründung der Nominierung durch das Komitee lautet:
„Bei diesem rein beobachtenden Dokumentarfilm sind die Zuschauer*innen völlig auf sich allein gestellt, sie müssen selbst eine Haltung zu den dargestellten Erziehungsmethoden und deren Verfechtern finden. Das kann für die Zuschauer*innen ein anstrengender und schmerzhafter Prozess sein, aber es ist eben auch eine bemerkenswerte Leistung der Filmemacher, genau so einen Prozess auszulösen. Auch wenn die Therapieform teilweise brachial und vorgestrig sein mag – die öffentliche Diskussion über die Würde des Kindes im Anschluss an diesen Film wäre so nicht möglich gewesen.“ (9)

Was ist hier los?

Ist es nicht möglich über die Würde von Kindern zu sprechen, ohne tatenlos zuzusehen wie ihre Würde systematisch verletzt wird?
Ja, ich kann die Begründung des rein beobachtenden Dokumentarfilms und der damit ausgelösten Prozesse argumentativ nachvollziehen. Ich kann diese Form der medialen Berichterstattung anerkennen.
ABER nicht bei diesem Inhalt. Es widerstrebt mir zutiefst.

Nach all den bekannten und ausführlichen Diskussionen rund um den Film Elternschule kann ich es nicht nachvollziehen, wie es aus medien-ethischer Sicht zu dieser Entscheidung kommen kann.

  • Unkommentiertes Zeigen von Gewalt
  • unvollständige Recherche
  • die unsaubere Trennung zwischen Therapie und Erziehung
  • eine abgebrochene Kinotour
  • Unterlassungsklagen gegen Kritiker*innen

kann man doch nicht außer Acht lassen, wenn ein Film im Sinne der Grimme-Preis-Kriterien (Vorbildfunktion in Form und Inhalt) beurteilt wird. Das will mir nicht in den Kopf.

Diese moralische Verantwortung kann man meiner Meinung nach nicht wegschieben. Es ist eine medien-ethische Dilemma Situation zwischen neutraler Aufklärung und notwendiger Be-wertung.
Durch die Nominierung des Films eröffnet sich wieder eine große Reichweite für Gewalt. Eine Bühne für Rechtfertigung.

Fazit

Ursprung all dessen ist und bleibt das Klinikpersonal, welches das Therapiekonzept umsetzt. Dafür, dass in dieser Klinik so gearbeitet wird, kann niemand etwas, außer den dort handelnden Personen. Sie sind und bleiben die hauptverantwortlichen Menschen im Zentrum dieses gesellschaftlichen Dramas.

Aber auch alle anderen tragen ihren Teil der Verantwortung:

  • die Filmemacher
  • die Journalist*innen
  • die Staatsanwaltschaft
  • die Menschen, die den Film für die Preisverleihungen vorgeschlagen haben
  • das Nominierungskomitee des Deutschen Filmpreises
  • das Nominierungskomitee des Grimme-Preises
  • die rund 30.000 Zuschauer*innen in den Kinos

Ich fordere den Deutsche Presserat dazu auf, sich den Film und die Nominierungen vor dem Hintergrund der Vereinbarungen im Pressekodex anzuschauen und zu beurteilen. Der Presserat ist als einziges Gremium bei diesem journalistischen Thema justiziabel.

Das Buch zum Film

Dass D. Langer und A. Lion im November 2019 ein Buch veröffentlichen wollten, hat mich endgültig fassungslos gemacht. Damit auch jede*r erfährt wie es „richtig geht“. In der Beschreibung heißt es: Im Buch stellen die beiden Autoren ihr
„ganzheitliches Konzept vor: verhaltenstherapeutischen Maßnahmen mit dem Kindunter Einbeziehung der Eltern. Diese tragen dazu bei, chronische, durch Stress entstandene Krankheits- und Störungsbilder zu therapieren. Die Autoren erklären, wie Kinder mit psychosomatischen Störungen „ticken“, woran Eltern die Beschwerden erkennen und was sie dagegen zu tun können.“ (6)
Ob es erscheint ist offen, im Oktober 2019 wurde die Verzögerung bekannt gegeben. (7)

Ein Grund mehr, dass auch wir Verantwortung übernehmen. Auch wenn wir am Ende nicht die Klinik schließen, den Film verbieten oder die Nominierung bzw. Preisverleihung verhindern können, so können wir dennoch so viel tun. Gemeinsam sind wir stark.

Eine Liste mit Hinweisen, was du konkret tun kannst und welche Aktionen es gerade gibt, kommt noch.
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Quellenangaben:

(1) https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/__1631.html . letzter Zugriff 27.1.2020, 18:03
(2) https://www.welt.de/vermischtes/article183000112/Gelsenkirchen-Staatsanwaltschaft-ermittelt-gegen-Kinder-und-Jugendklinik-wegen-Elternschule.html . letzter Zugriff 27.01.2020, 05:08
(3) https://www.presserat.de/pressekodex.html . letzter Zugriff 27.01.2020, 04:13
(4) https://www.sueddeutsche.de/medien/elternschule-dokumentation-doku-1.4503608 . letzter Zugriff 27.01.2020, 05:06
(5) https://www.zeit.de/kultur/2018-10/elternschule-dokumentarfilm-erziehung-ueberforderung-10nach8/komplettansicht . letzter Zugriff 27.01.2020, 19:53
(6) https://www.buecher.de/shop/familie/kinder-im-chronischen-stress/langer-dietmar-lion-kurt-andr/products_products/detail/prod_id/55510591/ . letzter Zugriff 27.01.2020, 19:35
(7) https://www.waz.de/staedte/gelsenkirchen/buch-zur-elternschule-in-gelsenkirchen-verzoegert-sich-id227341633.html . letzter Zugriff 27.01.2020, 20:07
(8) https://www.grimme-preis.de/wettbewerb/statut/, Zugriff 27.1.2020, 04:12
(9) https://www.instagram.com/p/B7YOn_OIGI2/?utm_source=ig_web_copy_link . letzter Zugriff 27.1.2020, 19:56